Joey

Joey (Quarter , geb. 2006 )
Als Joey zweijährig zu uns kam, war der Plan der, ihn zum Turnierpferd im Westernsport auszubilden. Mit dreieinhalb Jahren sollte er behutsam seine Ausbildung beginnen. Sehr schnell merkten wir, dass unser unternehmungslustiges kluges Jungpferd ein Problem hatte. Er zeigte sich bockig und widersetzlich unmittelbar nach der Gewöhnung an den Reiter. Er hatte offenbar Schwierigkeiten mit der Einwirkung der Trense. Er rollte den Hals unnatürlich auf und begann zu steigen.
Anna-Katharina, die seine Ausbildung in die Hand genommen hatte, konnte und wollte so nicht weiterarbeiten. Wir stellten Joey dem Tierarzt vor und baten ihn die Wirbelsäule, speziell das Genick zu röntgen.
Das erste Bild brachte Aufschluss. Unser Pferd hatte einen Haarriß im ersten Halswirbel. Eine alte Verletzung, die ihm jedoch durch den Druck des Genickstücks Schmerzen verursachte.Später erfuhren wir, dass der Sturz, der diese Verletzung verursachte durch das „Anbindetraining“ von Joeys Züchter verursacht worden war. Junge Pferde wurden so lange angebunden sich selbst überlassen, bis ihr Widerstand erlahmte und sie aufgaben. Joey hatte sich losgerissen und überschlagen. Das sind Unfälle, wie sie bei lieblosen „Erziehungsmethoden“ immer wieder passieren. Leider halten sich diese Vorgehensweisen hartnäckig, da sie Zeit sparen und somit in der gewinnorientierten Zucht und Vermarktung beliebt sind. Anna-Katharina ließ sich nach dem ersten Schreck nicht unterkriegen und beschloss, dass dieses Pferd eben ohne Trense oder anderem Kopfstück ausgebildet werden müsse.
Wir kauften einen Halsring und das Unternehmen „Abenteuer Joey“ begann.

Ein Abenteuer war es wirklich, denn der junge kräftige Wallach hatte sehr schnell heraus, dass man mit einem Halsring richtig gut Unfug treiben kann. Rodeoeinlagen und flotte Galopptouren waren an der Tagesordnung.
Joey offenbarte einen vielseitigen Charakter. Verschmust und sensibel reagierte er am Boden und unter dem Sattel sehr fein auf menschliche Signale. Er lernte schnell und balancierte sich unter dem Reiter gut aus. Aber er lebte auch sein Bedürfnis aus, die Führung zu übernehmen und seine eigenen Ideen zu verfolgen. Anna-Katharina hatte manch eine wenig lustige Diskussion zu führen. Mit nichts weiter als Hilfsmittel, als dem eigenen Sitz und dem Halsring.
Ist ein Pferd erst sicher ausgebildet, ist die Umstellung zum Halsringreiten meist kein Problem. Ein junges mutwilliges Pferd ohne Kopfstück auszubilden, ist schon schwieriger. Aber es wurde immer besser. Und schließlich entwickelten Pferd und Reiterin sich so zum Team, dass nicht nur einfache Lektionen klappten, sondern auch anspruchsvolle Seitengänge, Hinterhandswendungen usw.
Im Verlauf dieser Arbeit, mit steigendem Anspruch an Joeys Beweglichkeit, traten neue Schwierigkeiten auf.
Wir sahen, dass Joey es vermied sich nach links zu stellen. Er zog gewisse Positionen des Kopfes vor, andere mied er konsequent. Wir ließen ihn noch einmal röntgen. Unser Tierarzt sagte, dass sich die Bandscheibe zwischen den beiden ersten Halswirbeln zurückgebildet habe, und das Pferd nun nur noch in den schmerzfreien Bereichen den Kopf halten, bzw. drehen könne. Da gaben wir schweren Herzens das Reiten trotz bisheriger Fortschritte auf. Man kann es nicht vermeiden, Einfluß auf die Kopfstellung des Pferdes zu nehmen, insbesondere nicht in der Reitbahn. Das Reiten im Gelände nur mit Halsring ist jedoch zu riskant.

Joey stand dann fast zwei Jahre quasi in Rente mit unseren kleineren Ponies im Offenstall. Er langweilte sich ein bisschen, aber das war nicht zu ändern.
Eine junge Reitschülerin auf der Suche nach einem Pflegepferd unternahm dann den nächsten Versuch. Ich dachte, schaden kann es nicht, die Zeit tut manchmal Wunder.
Und sie tat ein Wunder: Joey begann seine zweite Laufbahn als Reitpferd. Da es nicht vertretbar war, ein junges, noch nicht so erfahrenes Mädchen auf ein Pferd zu setzen, das nur mit Halsring ausgerüstet war und vor Übermut aus allen Nähten platzte, legten wir ein Kopfstück an. Nur als psychologische Maßnahme für Joey. Und siehe da: Das ging.
Joey lief mit Spaß, Unfug und Begeisterung.
Im Laufe der Zeit konnte seine Reiterin den Zügel leicht mit benutzen. Joey wurde dann schnell zu eng im Hals, aber bei genügend vorsichtiger Einwirkung ging es.

Ich begann ihn als Schulpferd mit einzusetzen. Ich konnte ihn jetzt ohne Schwierigkeit longieren! Ein Wunder beinahe.
Dann begann eine sehr erfahrene Schülerin ihn mit zu reiten. Anna-Katharina hatte inzwischen mit ihrem Pferd und ihrer Ausbildung zu viel anderes zu tun.
Joey begann sich an gelerntes zu erinnern und neues dazu zu lernen. Er baute Muskeln auf. Er ließ immer mehr Trenseneinwirkung zu. Der Tierarzt vermutete, dass die Verletzung zur Ruhe gekommen, vielleicht verknöchert war. Ein Pferd wurde wiedergeboren. Jahre der Schonung durch Halsringreiten und durch völlige Ruhezeit hatten ihr Werk getan.

Heute ist Joey ein unglaublich gutes Schulpferd. Hochintelligent schenkt er seinem Reiter nichts. Er möchte sehr exakt geritten werden, reagiert super auf Sitzeinwirkung (seine Grundausbildung)
und geht inzwischen mit und ohne Halsring. Mit Zügeln verlangt er vom Reiter Sensibilität. Denn er fühlt sich nur in einer feinen Zügelverbindung wohl. Sonst rollt er sich ein. Er macht einen super Job an der Sitzlonge und einen super Job für Fortgeschrittene und Lernhungrige. Und zwar im Westernsport wie auch im klassischen Bereich. Wir sind froh, dass wir und auch Joey selbst, nie aufgegeben haben.

SamweisJoey