Arbeit mit schwierigen Pferden

Arbeit mit schwierigen Pferden

Schwierige Pferde sind solche, die aufgrund von Ausbildungsmängeln oder belastenden oder traumatischen Erlebnissen in ihrem Leben als Freizeit- oder Sportpartner nicht zurecht kommen. Dies kann natürlich auch auf Pferde zutreffen, die nach einer längeren Krankheitsphase wieder antrainiert werden müssen.
Je nach Problemstellung nutzen wir verschiedene Formen der Boden- und Körperarbeit. Nicht immer reicht es zum Beispiel am Gehorsam im Umgang und einzelnen Ängsten zu arbeiten. Oft brauchen Pferde gezielt Übungen zur Entwicklung eines guten Körperbewusstseins (hier arbeiten wir viel mit der Tellington -Methode) aber auch vertrauensbildende Arbeit und gezieltes Bewegungstraining gehören dazu.
Wir nutzen verschiedene Denkansätze, die wir individuell anwenden.

Traumatisierte Pferde
Eine traumatische Erfahrung, wie z.B. zugefügte Schmerzen oder unangemessene Haltungsformen, lassen sich nicht so schnell verarbeiten wie z.B. die Angst vor einzelnen Gegenständen (Autos, Regenschirme usw.).

Eine langfristige Störung des Vertrauens in den Menschen bzw die Bezugsperson kann zur Traumatisierung des Pferdes führen.

Hier benötigt die Behandlung Zeit und viel Einfühlungsvermögen. Im Idealfall erlernt das Pferd mit dem Besitzer zusammen Wege zu einer gefestigten vertrauensvollen Beziehung.

Besteht eine fundierte vertrauensvolle Bindung und das Pferd hat unkontrollierbare Angstreaktionen auf spezielle Situationen (z.B. im Straßenverkehr), sollte man dennoch bindungsstabilisierend arbeiten, jedoch ebenfalls situationsbezogen. Das bedeutet, dass das Pferd in kleinen Schritten über einen langen Zeitraum, die mit Angst besetzte Situation mit neuen positiven Erfahrungen „überschreibt“.

Aggression

Aggression kann ihren Ursprung in Unsicherheit, falschem Umgang und ebenso in traumatischen Erlebnissen haben.

Ein starker Charakter wird unter Stress mit Wehrhaftigkeit reagieren. Das kann, je nach Fall, zu größeren Problemen führen.

Aggression kann unmittelbar entstehen, sobald Missverständnisse zwischen dem Pferd und seinem Menschen auftreten. Dann ist es sinnvoll sofort Unterstützung zu suchen, bevor aus dem ersten mutwilligen Schnappen oder Drängeln bedenkliche Verhaltensmuster entstehen.

Aggression kann auch zu einer grundsätzlichen Haltung gegenüber dem Menschen und stressigen Situationen werden.

Häufig steht hier diesem Verhalten eine lange Zeit des falschen Umgangs oder auch sich wiederholende Misshandlung . (Abzuklären ist auf jeden Fall, ob das Pferd chronische Schmerzen hat.)

Mit diesen Pferden wird über einen längeren Zeitraum gearbeitet. Alltagssituationen, wie füttern, führen, putzen etc. müssen mit sehr klaren Regeln und ruhiger Konsequenz neu erlernt werden.

Der Besitzer des Pferdes hat die anspruchsvolle Aufgabe, zu einer überzeugenden, klaren und zuverlässigen Position dem Pferd gegenüber zu kommen.

Oft ist es sinnvoll die ersten Schritte ohne den Besitzer zu unternehmen, um ein fest gefügtes Muster beim Pferd zu durchbrechen. Dann jedoch ist intensive Zusammenarbeit sehr wichtig.

Das Pferd muss im gleichen Maße, indem es lernt zu kooperieren statt zu dominieren, auch motiviert und sinnvoll beschäftigt werden.

Motivation und Freude an der Arbeit sind ebenso wichtig wie der gegenseitige Respekt.

Wir wollen also dem Pferd vermitteln, dass es sich nicht mehr zu verteidigen braucht, weil es bei seinen Menschen sicher aufgehoben und auch positiv gefordert ist.

Ängstliche Pferde
Manche Pferde sind von Natur aus eher vorsichtig oder auch ängstlich, andere machen in ihrem Leben vielleicht schlechte Erfahrungen und haben Angst vor einzelnen Situationen.

In beiden Fällen ist durch sinnvoll aufgebaute Arbeit mit viel positiver Verstärkung das Selbstvertrauen der Pferde zu entwickeln.
Die Angst vor einzelnen Gegenständen kann durch Arbeit an verschiedenen Objekten besiegt werden. Hierbei gibt es unterschiedliche Herangehensweisen. Wir nutzen all die Arbeitsansätze, die auf Lob und Motivation gründen.

Introvertierte (resignierte/depressive) Pferde
Introvertierte Pferde sind häufig Pferde, die in ihrem bisherigen Leben physisch oder mental überfordert wurden. Diese Introvertiertheit zeigt sich oft nur in einem besonders ruhigen, für den Menschen sogar angenehmen, eher passiven Verhalten. Die Grenze zur Depression, die bei Pferden durchaus ein Problem sein kann, ist fließend.
Auch hier können traumatische Erlebnisse ursächlich sein. Häufig sind Pferde betroffen die zu einem so genannten Kadavergehorsam erzogen wurden. Um hier die Freude am Leben und der Arbeit mit dem Menschen wieder zu wecken, nutzen wir die Körperarbeit um zum Beispiel über verschiedene Berührungsreize und Bewegungen das eigene Körpergefühl zu entwickeln und eine motivierende, positiv verstärkte Bodenarbeit. Je nach Pferdetyp kann es auch sinnvoll sein, das Training unter dem Sattel weiterzuführen, jedoch unter anderen Gesichtspunkten als bisher. Es geht hierbei zunächst nur um die Freude an der Bewegung und der Kooperation mit dem Menschen.

Die zweischneidige Sache mit dem Gehorsam

Noch immer trifft man in der Pferdehaltung, beziehungsweise dem Training, häufig auf die Einstellung, dass ein Pferd absolut gehorsam zu sein habe, weil es nur dadurch absolut zuverlässig würde. Zuverlässigkeit bedeutet Sicherheit für Pferd und Mensch, und ist daher ein sehr wichtiger Aspekt. Die Frage stellt sich jedoch, ob es sinnvoll oder auch nur zu rechtfertigen ist, ein Tier durch Unterdrückung seiner Persönlichkeit und das Unterbinden aller selbstständigen Entscheidungen zu erziehen.

Viele Ausbildungen, die auf der Basis des Dominanztraining funktionieren, machen jedoch gerade das. Das Pferd lernt, das jede Entscheidung ausnahmslos vom Menschen getroffen wird. Es darf sich während des Umganges vom Boden nicht aus eigener Entscheidung bewegen. Es darf bei der Arbeit unter dem Sattel seine Aufmerksamkeit nicht auf etwas anderes als die gestellte Aufgabe richten.

Die Idee dahinter ist verständlich. Niemand fühlt sich im Gelände sicher mit seinem Pferd, wenn dieses zum Beispiel entscheidet, dass es jetzt aber auf die Straße ausweichen möchte.

Ein gesundes Maß an Disziplin und Gehorsam ist unumgänglich. Die Theorie, das Vertrauen alleine das Pferd dazu bewegen wird in Gefahrensituationen beim Menschen zu bleiben, birgt gewisse Gefahren.

Dennoch ist zu überlegen, was unsere Erziehung mit dem Pferd als Persönlichkeit macht.

Möchte ich mein Pferd durch konsequente Dominanz zu einem funktionierendem Untergebenen machen? Das Ergebnis mag einfach und angenehm für den Menschen sein, aber was bedeutet das für das Tier als Individuum?

Wann habe ich die Grenze zum „Kadavergehorsam“ überschritten?

Pferde lernen, bei hinreichender positiver Verstärkung (Motivation) gerne.

Eine fundierte physiologisch korrekte Ausbildung unter dem Sattel gewährt uns eine sichere Einwirkung.

Die Akzeptanz von Regeln und Grenzen in einem höflichen Umgang miteinander ist notwendig.

Ich kann diesen Gehorsam erarbeiten, ohne meinem Pferd jede Selbstbestimmung abzusprechen.

Ich kann natürliche Neugier, die Freude an der Arbeit nutzen, sowie Nervenstärke entwickeln.

So gelingt es, einen wachen individuellen Charakter zu erziehen.

Lasse ich mein Pferd eine eigenständige Persönlichkeit sein, ist die tägliche Arbeit für mich anspruchsvoller. Es ist meine Aufgabe mein Pferd zu motivieren, es langsam aufbauend unter dem Sattel zu fördern. Ich muss nicht Eigenständigkeit unterdrücken, vielmehr nutze ich sie zum lernen.

Das bedeutet natürlich, dass die gemeinsame Arbeit mehr Zeit benötigt und vom Menschen verlangt, sein Pferd gut zu beobachten, sich hineinzufühlen und kleine Rückschläge mit Humor zu tragen.

Es bedeutet unter Umständen ein aufwendiges Scheutraining und längere Zeitspannen der Ausbildung.

Mit absolutem Gehorsam, Unterordnung und einer dementsprechenden Arbeit unter dem Sattel, wäre das Pferd schneller und ohne viel Widerspruch, das funktionierende „Objekt“

Aber ist es dann der Partner im Team?

Freut es sich über seinen Menschen?

Bringt es sich ein und hat Spaß an der Arbeit?

Ich glaube, dass Gehorsam nur ein Teil (wenn auch ein wichtiger) der Ausbildung ist. Eingebunden in die Entwicklung eines offenen neugierigen Lebewesens. Lieber macht mein Pferd mal etwas Unfug oder zeigt mir, wie seine Tagesform ist, als das es sich vollkommen unterordnet und keine Chance hat auch sich selber zu entwickeln.

Gerade Menschen, die nicht mit Pferden aufwuchsen oder reiterlich eher schwächer sind, nutzen die Ausbildungsangebote der Dominanztrainer.

So kann beinahe jeder mit einem Pferd zurecht kommen, auch wenn es beim Reiter schlicht an Können fehlt.

Würde es nicht viel mehr Freude machen sich mit dem Tier langsam selber zu entwickeln?

Sehen zu können, wie eine Beziehung entsteht und eine reelle gemeinsame Arbeit?

Hinzu kommt ein wichtiger Aspekt der meist unbeachtet bleibt. Das Pferd, gleichgültig wie sehr es gedrillt und erzogen wird, bleibt ein Fluchttier und letzten Endes ein Geschöpf das Stress empfindet.

In einer Beziehung zum Menschen, die nur auf Unterordnung basiert, bleibt das Risiko von so genannten Aussetzern.

Vollkommen gehorsame Tiere überreagieren mitunter unberechenbar und impulsiv. Mit oder ohne sichtbaren Auslöser kommt unter Umständen das kurze heftige Ausbrechen aus der erzwungenen Ruhe ( z.B. Scheuen, durchgehen, bocken). Oder sie scheuen plötzlich übertrieben ängstlich, wo sie tags zuvor noch ganz gelassen waren. Diese Reaktion entspringt der Unausgeglichenheit eines Lebewesens, das nicht gelernt hat zu verstehen und sich und dem Menschen zu vertrauen. Oder anders ausgedrückt: Dauernde erzwungene Kontrolle bedeutet Stress. Permanenter Stress führt in die Depression oder in zeitweise Eskalation.

Hier werden Pferde trainiert, deren absoluter Gehorsam wie eine Hülle ist, ähnlich einer unsichtbaren Zwangsjacke. Darunter versteckt liegen Instinkte und Bedürfnisse mit denen dieses Pferd und sein Mensch nicht umzugehen lernten.

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